Praxis

Fie:ri | Die Lernwerkstatt – ein Ort des Werdens

Julia Meier berichtet über den Praxisalltag in einer lerntherapeutischen Praxis. Drei Monate absolviert sie ein Praktikum in der Lernwerkstatt "Fie:ri" in Lorch (Baden-Württemberg), welche von Adina Muntean geleitet wird. Adina Muntean ist Absolventin des Studienganges Master Integrative Lerntherapie an der PH Schwäbisch Gmünd.


04. Juli 2017, von Julia Meier

Lesen ja, aber bitte mit Betonung! Die witzigen Bücher von Mo Willems sind in der Lernwerkstatt sehr beliebt!

Foto/Grafik: Adina Muntean

Aus meinem Bachelor-Studium der Kognitionswissenschaft an der Universität Tübingen waren mir zwar Begriffe wie Entwicklungsverzögerungen, Lernstörungen und psychische Störungen im Kindesalter schon bekannt. Aber nachdem ich im Studium nur Theoretisches darüber erfahren habe, wollte ich in diesem Sommer ein bisschen Praxisluft schnuppern. Wie geht man mit Lernentwicklungsstörungen um? Wie kann man betroffenen Kindern und Eltern adäquat helfen? Und wie sieht eine solche Lerntherapie aus? Seit Anfang Mai habe ich in der fie:ri Lernwerkstatt bei Adina Muntean in Lorch die Möglichkeit in einem dreimonatigen Orientierungspraktikum mehr darüber zu erfahren.

Lesespaß mit „Du hast einen Vogel auf dem Kopf“

Foto/Grafik: Adina Muntean

Die Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes steht im Vordergrund

Schon an meinem ersten Tag in der Lernwerkstatt wurde ich von strahlenden Kinderaugen begrüßt. Dass die Kinder gerne einmal die Woche hierher kommen, merkt man sofort. Denn hier sind sie mehr als einfache ICD- oder DSM-Nummern. Die Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes steht im Vordergrund und niemand wird mit einer schnellen Diagnose abgestempelt. In den 45-minütigen Einzelsitzungen steht, im Vergleich zum alltäglichen Schulunterricht, das Kind als Individuum und das Lernen selbst als Entwicklungsprozess im Vordergrund, und nicht die gesamte Schulklasse oder das Lernproblem an sich. Gezielt kann so auf jedes Kind individuell eingegangen werden.

Für jedes Kind wird individuell ein Förderplan erstellt

Kinder, die in der Schule durch schlechte Noten zum Beispiel im Fach Deutsch oder Mathematik auffallen, bekommen hier in der Lernwerkstatt mehr als eine reine Stoffwiederholung. In enger Zusammenarbeit mit den Eltern sowie Lehrern wird ein Förderplan individuell für jedes Kind erstellt. Dabei wird großer Wert auf die Persönlichkeit des Kindes gelegt. Denn Lernschwierigkeiten oder Lernstörungen gehen oft mit einem schlechten Selbstbild, geringem Selbstwertgefühl, Motivationslosigkeit und verlorenem Selbstvertrauen einher. Hier in der Lernwerkstatt lernen die Kinder daher nicht nur, ihre Schwierigkeiten möglichst schnell zu überwinden, sondern auch, sich damit auseinanderzusetzen, sich Neues zuzutrauen und vor allen Dingen die nötigen Entwicklungsprozesse im Selbst zuzulassen. So werden Ursachen der Lernschwierigkeiten erkannt und für die Kinder öffnen sich ganz neue Türen.

Mädchen rechnet beim Einkaufen fleißig mit

Kinder lernen, wie sie sich auch an neue Probleme trauen können, wie sie diese angehen und mit schon erlernten Strategien lösen können. Die Mutter eines Mädchens zum Beispiel, mit welchem wir uns einige Sitzungen mit dem Thema Längenmaße und Umrechnen von Längeneinheiten beschäftigt haben, erzählt, dass ihre Tochter jetzt auch beim Einkaufen fleißig mitrechnet und mit Euro- und Cent-Beträgen immer besser umgehen kann. Sie hat gelernt, bekannte Strategien auch auf neue Probleme anzuwenden. Das Mädchen steht stolz daneben und lacht.

„Ich hab’s geschafft! Und ganz alleine!“ - ruft Lena stolz. Das Spiel „Q-Bitz“ fördert die Entwicklung des räumlichen Vorstellungsvermögens und somit das räumliche Denken.

Foto/Grafik: Adina Muntean

Raumvorstellung, Rotationen, Geometrie: Mädchen üben sich fit!

Foto/Grafik: Adina Muntean

Rechenspiele...

Foto/Grafik: Adina Muntean

Wir lernen die Uhr: Die Lernwerkstatt bietet in den Ferien tolle Themen-Workshops an.

Foto/Grafik: Adina Muntean

Smarte Spiele in einem Ferien-Worshop

Foto/Grafik: Adina Muntean

Soziale Kompetenzen im Mittelpunkt: Teamgeist, Geduld, Frustrationstoleranz.

Foto/Grafik: Adina Muntean

Die KAPLA-Begeisterung: Die Holz-Steine lassen sich zu genialen Brücken, filigranen Türmen oder massiven Gebäuden bauen.

Foto/Grafik: Adina Muntean

Lernfortschritte zu sehen macht Mut

Zu sehen, wie sich die Kinder stetig weiter entwickeln, ist ein großartiges Gefühl. Nicht nur für mich als Beobachter, sondern auch für die Kinder selbst. Denn wenn deprimierte Sätze fallen wie „Das bringt doch eh' nichts, die ganze Mühe ist umsonst.“, dann holt Adina Muntean einen dicken Ordner aus dem Schrank. Wenn die Kinder dann sehen, bei welchen Aufgaben sie am Anfang der Therapie oder auch vor ein paar Wochen noch große Schwierigkeiten hatten, wird aus dem Frust schnell großer Stolz. Denn diese Fortschritte zu sehen, macht Mut, neue Probleme anzupacken und nicht aufzugeben.

Fieri kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "werden, entstehen". Und genau das passiert hier. Es entsteht Neues und die Kinder wachsen in ihrer Persönlichkeit. Ziel der Lerntherapie in Adina Munteans Lernwerkstatt ist es nicht nur, die Lernfähigkeiten der Kinder zu verbessern, sondern sie in ihrer Selbstwahrnehmung zu stärken und ihre Persönlichkeit weiter zu entwickeln und zu fördern. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese Erfahrungen während meines Praktikums sammeln konnte.